Kasper Teil 1
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Weihnachtsmannkugel

Sonntag, 1. Advent, 16.00 Uhr

Weihnachtsmannkugel

Ich hasse meinen Nachbarn!

Ich stehe an diesem trüben Nachmittag am Fenster meiner Wohnung und befestige die letzten Lämpchen der Außenbeleuchtung am mühsam eingesteckten Tannengrün des Blumenkastens. Die halb gefrorenen Zweige der Blautanne stechen fürchterlich und so mancher, nicht gerade vorweihnachtlicher Fluch wird mir entwichen sein, als mein Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite fällt.

Da wohnt er! Mein Nachbar! Im Erdgeschoss!

Er ist natürlich schon längst fertig mit seinem Weihnachtsschmuck an den Fenstern! Seine Familie steht draußen im Halbkreis vor den drei Wohnungsfenstern meines Nachbarn und dieser schreitet mit missbilligendem Blick in meine Richtung zur Inbetriebnahme der Festbeleuchtung. Was für ein Feuerwerk! Hunderte weiße Minilampen leuchten auf, gefolgt von kreisenden Effekten bunter Glühbirnen rings um die Fenster, dazwischen zucken blaue Sterne auf und im Wechsel beginnen Weihnachtsmänner, Rentiere und Engel zu blinken! Mich erinnert das Ganze etwas an einen Rummelplatz. Die Familie meines Nachbarn klatscht begeistert Beifall und macht hierbei so laut, bis auch der letzte Bewohner der Straße einen Blick nach dem Super-Weihnachtsfenstern geworfen hat.

Überhaupt, mein Nachbar – alles an ihm ist übergroß und mächtig. Ich kann mich mit ihm nicht messen! Was mir auch einfällt, immer ist er eine Spur besser! Erst war ich Arbeiter, er Abteilungsleiter. Als ich Abteilungsleiter wurde, wurde er  Manager. Ich fuhr einen VW Polo, er einen Passat. Als ich mir den Passat mühsam zusammengespart hatte und das erste Mal die Straße entlang fuhr, kam er mir mit einem Audi entgegen. Manchmal abends, da fällt mein Blick durch die zurückgezogenen Gardinen in seine Wohnung: Ein schwerer Mahagoni-Esstisch auf einem Brokat-Teppich, ringsherum hochlehnige rustikale Stühle mit silberdurchwebten Sitzpolstern, das Ganze gekrönt von einem achtzehnflammigen Kristall-Leuchter. Alles an meinem Nachbarn ist groß und mächtig, sogar seine Schwiegermutter in ihrem Polarfuchsmantel ist wuchtiger und dominanter als meine!
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Und dann seine Katze! Eigentlich ist das keine Katze! Mein Nachbar hat ein Rekord-Tier! Ein Schaustück! Ich weiß die Rasse nicht, aber wenn ich dieses Tier sehe, bin ich begeistert! Langes seidiges schneeweißes Fell, nur um die Nase ein fast bläulich schimmernder Ansatz. Eine Schönheit! Eine Königin, wenn sie erhaben durch die Wohnung meines Nachbarn schreitet.

Auch ich habe eine Katze. Den Kasper, ein relativ klein gebliebener Kater. Kasper ist das Überbleibsel einer einst großen Liebe zwischen mir und einer Dame, die längst gegangen ist. Kasper blieb. Er ist keine Schönheit, kein Rassetier. Er ist, würde ich sagen, ein kleiner lieber Kerl mit dem Fell einer zur botanischen Entgleisung mutierten Pusteblume. Farbe? Rot natürlich und getigert, wie sich das für ein echtes Raubtier gehört! Kasper kommt und geht wann er will, verbringt die Vormittage irgendwo draußen, kommt am Nachmittag heim und bleibt bis zum nächsten Morgen. Er ist mein Freund, er achtet mich, ich ihn und wir verstehen uns. Aber gegen die Katze meines Nachbarn, da hat Kasper keine Chance!

Da war ich vor kurzem auf so einer - wie sagt man doch gleich - Katzenmesse? Kleintierausstellung? Na Ihr wisst schon, so eine Veranstaltung, wo die Leute ihre Katzen zeigen und wo man zahllose Rassen bestaunen kann. So eine Ausstellung war hier in der Stadt. Mein Nachbar sagte, ich solle dort hin, um einmal „richtige“ Katzen zu sehen. Ich hätte es ahnen sollen: Mein Nachbar war natürlich auch dort! Mit seiner Superkatze! Sein Käfig in der Stadthalle schien unter den zahlreichen silbern- und goldig glitzernden Pokalen zusammenzubrechen. Inmitten der Trophäen ein großes, farbenprächtiges Foto, darauf mein Nachbar, auf einer Bühne. Mit dem Lächeln eines Superstars hebt er seine Rekordkatze hoch über die Häupter einer staunenden Zuschauermasse...

Er tippt mir auf die Schultern, während ich das Foto betrachte und beginnt zu fachsimpeln. Was seine Katze kann und macht und wo er schon mit ihr war, über Farben und Größen und über Gene! Über die dominanten, vor allem aber die re...., die  Bezeichnung hab ich vergessen,  und das so eine Katze immer das Spiegelbild ihres betreuenden Menschen sein muss! Dabei denke ich an meinen zerrupften Kasper und bringe den Gedanken lieber nicht zu Ende…

Heute, am ersten Advent, fällt mir dieser Ausstellungsbesuch wieder ein. Mein Nachbar ist mit seiner Familie wieder ins Haus gegangen, die Weihnachtsbeleuchtung an seinem Fenster flimmert und drinnen in der Wohnung sehe ich meinen Nachbarn, wie er seine Rekordkatze mit einer Bürste bearbeitet. Hin und wieder schüttet er ihr ein weißes Pulver über das Fell und unvermittelt denke ich grinsend an das Zuckern eines Christ-Stollens.

Ein Kratzen an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken: Kasper!

„Na mein Freund?“, begrüße ich ihn, „warst du wieder bei einer Geliebten?“ Da höre ich hinter Kasper eine Frauenstimme: „Nein, war er nicht!“ Frau Kropius, die Dame, die mit ihrer Tochter über mir wohnt, kommt soeben hinter Kasper die Treppen herauf. „War er nicht? Wissen Sie mehr?“, fragte ich sie und Frau Kropius darauf: „Aber Kasper ist doch bei Lisa! Wissen Sie denn nicht?“ Im Moment verstehe ich gar nichts und besonders intelligent werde ich in diesem Moment wohl nicht dreingeschaut haben, denn Frau Kropius erzählt weiter: „Ich dachte, Sie wüssten das: Der Kasper ist bei Lisa. Jeden Tag, schon seit Wochen. Lisa ist sehr krank….“ Dabei blickt sie traurig. Lisa? Das ist ihre Tochter, das kleine lustige, quirlige Ding, welches man schon von weitem hört! Und jetzt erst fällt mir auf, dass es still geworden ist in den letzten Wochen über mir! Das Hüpfen, das Lachen, manchmal auch das – zugegeben – etwas nervige Trampeln. DAS ist es also, was fehlt! Frau Kropius erzählt von Kasper. Das er morgens kommt und den ganzen Tag bei Lisa ist. Dass er ihr hilft, sie oft schon wieder lacht und beim Spiel mit Kasper ihre Schmerzen vergessen kann. Ich schlucke, staune, mein Kasper? Meine kleine, rote Pusteblume? Sollte er so ein  Herz haben? So ein kleiner Kerl? Ein Tier?  Ich schau auf meinen Kater. Er geht an mir vorbei und von oben sehe ich sein zuckendes Rückenfell. War das ein Lachen? Ein Lachen, wie es nur eine Katze kann? Heimlich? Still? Wissend?
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24. Dezember , Heilig Abend, 14.30 Uhr

In der Nacht hat es geschneit. Ein reines, scheinbar jeden Laut erstickendes Weiß hat sich über die Dächer der Stadt gelegt. Eine festliche Stimmung macht sich in mir breit und die Vorfreude auf die kommenden Stunden lässt die Hektik eines ganzen Jahres wie einen schmutzigen Mantel von mir abfallen.

Lautes Lachen unten auf der Straße lockt mich ans Fenster. Was ich sehe verschlägt mir die Sprache: Da unten toben ein kleines, blasses Mädchen und eine viel kleinere, rot getigerte Katze durch den Schnee! Lisa! Und Kasper! Lisa lacht sich halbtot im Angesicht von Kasper, der krampfhaft versucht, mit seinen kleinen Beinen jeglichen Kontakt mit dem Tiefschnee zu vermeiden. Er schüttelt sich, hebt immer wieder die Tatzen und mit gekonnten Sprüngen rettet er sich in sichere Hauseingänge. Lisa bewirft die Katze mit Schnee und kreischt vor Lachen, wenn Kasper wie eine Rakete davon schießt. Auch ich muss lachen und dabei fällt mein Blick auf das Haus gegenüber. Eingerahmt von seiner vielflammigen Weihnachtsbeleuchtung steht mein Nachbar regungslos am Fenster. Gebannt schaut er Lisa und Kasper zu. Im Zimmer hinter ihm sehe ich durch die zurückgezogenen Gardinen seine Familie und zahlreiche Verwandtschaft an der Festtafel sitzen. Er beachtet sie nicht. Er steht nur am Fenster und schaut. Neben ihm auf dem Fensterbrett die Rekordkatze. Auch sie starrt nach draußen, scheint die Welt da hinter der Fensterscheibe nicht zu begreifen. Und noch weniger scheint sie zu verstehen, wieso sie jetzt gerade eben eigentlich nicht gestreichelt oder zumindest gekämmt oder wenigstens gepudert wird.

Mein Nachbar steht und schaut und manchmal sehe ich sein kleines Bäuchlein hüpfen. Er lacht! Der Kerl kann tatsächlich lachen! Er öffnet das Fenster und winkt Lisa zu sich. Lisa scheint aufgeregt zu erzählen und immer wieder deutet sie auf Kasper, der kläglich miaut und so langsam nach Hause möchte. Irgend etwas Buntes reicht mein Nachbar zu Lisa herunter und fröhlich hüpft Lisa davon, dicht gefolgt von Kasper.

Mein Nachbar und ich schauen den beiden nach. Dann treffen sich unsere Blicke. Zögernd winkt mein Nachbar zu mir herüber. Ich winke zurück. Frohe Weihnacht, mein Freund! Im Treppenhaus höre ich Lisa prustend und schniefend die Treppe hinauf eilen. Die Vorfreude! Auch Kasper kommt heute nicht zu mir und läuft ohne Zögern mit Lisa mit. Es wird wohl spannend, was da kommt und aufgeregt hör ich Lisa mit Kasper erzählen: der Weihnachtsmann! Bald muss er doch kommen! Oben fällt die Tür ins Schloss und ich schaue auf die Uhr: noch eine halbe Stunde. Es wird Zeit! Ich streiche über den roten Mantel, der seit Tagen hier hinter der Tür hängt und streif die schweren Stiefel über. Nun noch der weiße Bart. Ich blättere noch einmal im „Weihnachtsmannbuch“, dem mit den goldenen Sternen auf dem Umschlag und lege mir in Gedanken alles zurecht. was ich Lisa nachher sagen werde …. Ihre Mama wird glücklich lächeln, froh, dass Lisa wieder gesund ist. Der große Bruder wird altklug grinsen, wohl wissend, wer der Weihnachtsmann ist. Der Großvater wird im Sessel sitzen, genüsslich am Pfeifchen ziehen und Kasper? Kasper wird oben auf dem Schrank liegen, die Szene beobachten und dabei wird sein Rückenfell zucken: Ein Lachen, wie es nur eine Katze kann: Heimlich! Still! Wissend!
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24. Dezember, Heilig Abend, 22.00 Uhr

Es ist vollbracht. Aller Trubel ist überstanden und die für mich schönste Stunde eines jeden Jahres beginnt: Es ist Heilige Nacht. Ich gehe zum Fenster, will in den Himmel schauen und in Gedanken heimlich beten.

Da fällt mein Blick auf das Haus gegenüber, dorthin, wo mein Nachbar wohnt.

Die Rummelplatz-Weihnachtsbeleuchtung …. ist aus!

Im Fenster brennt ein einsames kleines Licht und mir scheint, es ist heller als Alles, was ich kenne.

Mein Nachbar?

Eigentlich hasse ich ihn überhaupt nicht!

Weihnachtsmann

In diesem Sinne, all unseren kleinen und großen, zwei- und vierbeinigen Freunden in Nah und Fern eine gesegnete Weihnachtszeit und ein frohes und glückliches Neues Jahr!

die Cattery „von der weißen Fee“

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