T²-Wurf

"von der weißen Fee"
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 Tagebuch eines Züchters

Selten, wenn nicht sogar noch nie, habe ich innerhalb kürzester Zeit in meinem Züchterleben eine solche Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt wie in den letzten Tagen. Um das Geschehen selbst zu begreifen und um interessierten Besuchern meiner Website einen Einblick hinter die Kulissen zu gewähren, schreibe ich meine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle in diesem Tagebuch nieder.

Mittwoch, 21. April 2021 – Trächtigkeitstag 58

 

Jamie wird bald Mama werden. Noch ca. eine Woche und in der Wurfkiste werden sich kleine Minibirmchen ihre Bäuchlein mit warmer Milch vollschlagen, um sich dann kuschelnd ins Träumeland zu begeben. Ich freue mich riesig auf die Zwerge und so viele Familien warten sehnsüchtig auf den Nachwuchs hier, damit sie sich ihren Traum von den eigenen Birmas erfüllen können.

Apropos Wurfkiste: Es wird Zeit, dass ich die Wurfkiste auf die Ankunft der neuen „weißen Fee’n“ vorbereite. Jamie bevorzugte bei ihren ersten Babys im vorigen Jahr die kleinere der Wurfkisten. Sicher wird das wieder so sein. Also richte ich die kleinere Wurfbox für die Geburt her. Jamie dankt es mir mit Missachtung. Ein kurzer Blick, dann wendet sie sich von mir ab und sucht auf ihrem Lieblingsplatz, meinem Kleiderschrank, ein gemütliches Plätzchen zum Schlafen. Schlafen, damit verbringt Jamie bereits die gesamte Trächtigkeit.

Donnerstag, 22. April 2021 – Trächtigkeitstag 59

 

Tierärzte sagen, mit Tag 59 endet die Trächtigkeit einer Katze rein rechnerisch, die Geburt darf stattfinden. Ich frage mich schon immer, warum Tierarzte eine andere Zeitrechnung haben? Denn wir Züchter rechnen zwischen dem 63. und 70. Tag mit der Geburt. Ich selbst hatte noch nie eine Katze, die vor dem 63. Trächtigkeitstag geboren hat. Die meisten Trächtigkeiten endeten in meiner Cattery zwischen dem 65. und 67. Tag.

Gegen 18:00 Uhr ist Fütterzeit. Doch wo ist Jamie? Ja, sie schläft viel, aber am Futternapf war sie dann doch immer eine der Ersten. Merkwürdig, dass sie heute fehlt. Ein ungutes Bauchgefühl macht sich in mir breit. Ich finde Jamie auf dem Balkon in der hintersten Ecke unter dem Grill. „Jamie, ESSEN!“ Doch sie schaut nicht mal zu mir auf. Ich arbeite meine Abendroutine weiter ab: Babykatzen füttern, Hunde füttern, Ehemann füttern. Ach ja, mich selbst auch füttern. Danach mache ich nochmal die Katzenklos sauber. Der Blick zum Napf: Jamie hat noch immer nicht gefressen. Jetzt finde ich sie unter meinem Bett. Sie putzt sich am Po! Einige Minuten später finde ich sie immer noch putzend vor. Ich locke sie mit viel Mühe hervor und erkenne mit Entsetzen, dass ihr Fell am Po mit Blut verschmiert ist. Autsch, das ist besorgniserregend! Mein Abend ist gelaufen. Ich lasse sie nicht mehr aus den Augen. Bestandaufnahme: Abgang von Blut, kein Appetit, aber kein Nestbauverhalten, normale Atmung, Milchleisten sind noch nicht erkennbar. Eine nahende Geburt schließe ich nicht aus, doch Jamie scheint noch gar nicht bereit zu sein dafür. Und mit Tag 59 wäre es für mich als Züchter auch eine Frühgeburt. Die Nacht schlafe ich kaum. Der Wecker klingelt stündlich, damit ich nach Jamie schauen kann. Die verbringt diese Nacht auf meinem Kleiderschrank, putzend, in der hinteren Ecke.

Freitag, 23. April 2021 – Trächtigkeitstag 60

 

Ich stehe 5:00 Uhr auf, ich kann nicht schlafen. Meine Sorge um Jamie und ihre Babys ist zu groß. Um 7:00 Uhr starte ich in Richtung Arztpraxis. Vor mir liegen 45 Kilometer. Jamie ist still, putzt sich ständig. Aus ihr läuft klares Blut in größeren Mengen.

Beim Tierarzt angekommen ist Jamies Ruhe vorbei. Sie ist wenig kooperativ, faucht, brummt und will beim Ultraschall so gar nicht lieben bleiben. Wir halten sie zu zweit. Deutlich erkennen wir kleine Wirbelsäulen und Köpfchen. Doch Jamie zappelt, ist absolut unentspannt und macht es unmöglich, dass in Ruhe geschaut oder gar die Föten gezählt werden können. Der Doc erhascht ein schlagendes Herz. Schlägt da nur eines? Mist, Jamie hat sich wieder aus unseren Griffen gelöst. Der Schallkopf muss neu angesetzt werden. Da, hier schlägt auch ein Herz! Oder hatten wir genau das schon vorhin gesehen? Auf jeden Fall sind die Flüssigkeiten in Jamies Gebärmutter klar. Nichts deutete auf Einblutungen hin, meint der Doc. Er sagt, alles sei im grünen Bereich. Dann nimmt er die Berechnungsscheibe zur Trächtigkeitsdauer „Wann war die Deckung?“ –Vom 22. – 24. 02. 2020 – „Dann ist alles in der Norm.“ Ich sehe, dass die Berechnungsscheibe eine Geburt zwischen dem 20. und 24. 04. 2021 voraussagt. Komisch, bei meiner Berechnung sollte die Geburt nicht vor dem 27. 04. 2021 stattfinden. Der Tierarzt meinte, des gäbe Katze, die einige Stunden vor der Geburt bluten. Er rechnet mit einer normalen Geburt innerhalb der nächsten 24 Stunden. Er wünschte uns alles Gute und Jamie durfte wieder mit mir nach Hause fahren.

Am frühen Abend änderte sich der Auswurf bei Jamie. Das klare Blut verschwand, stattdessen verlor sie dunkelrote Schmiere und Gewebeteile. Ich war mega angespannt. Ich hatte ein ganz ungutes Gefühl.

Jamie war extrem unruhig. Sie saß in der hergerichteten Wurfkiste. Sie atmete schwer. Am späteren Abend presste Jamie endlich. Doch was war das? Erst kam viel Blut, dann eine übelriechende Plazenta. Spätestens jetzt war ich mir sicher, dass mein schlechtes Bauchgefühl berechtigt war. Was wird Jamie und mich erwarten? Ca. 30 Minuten nach dieser Plazenta setzten wieder Presswehen ein. Mein Mädchen brachte um Mitternacht ein totes Baby zur Welt. Die Plazenta zu diesem Baby wurde zeitgleich geboren. Da lag es vor uns. Das Mäulchen geöffnet, die Zunge heraus, es war erstickt. Ich konnte nichts mehr für das kleine Mädchen tun. Doch wenn dieses Baby mit seiner Plazenta geboren wurde, zu wem gehört dann die einzeln entbundene Nachgeburt?

Jamie war extrem unruhig. Sie saß in der hergerichteten Wurfkiste. Sie atmete schwer. Am späteren Abend presste Jamie endlich. Doch was war das? Erst kam viel Blut, dann eine übelriechende Plazenta. Spätestens jetzt war ich mir sicher, dass mein schlechtes Bauchgefühl berechtigt war. Was wird Jamie und mich erwarten? Ca. 30 Minuten nach dieser Plazenta setzten wieder Presswehen ein. Mein Mädchen brachte um Mitternacht ein totes Baby zur Welt. Die Plazenta zu diesem Baby wurde zeitgleich geboren. Da lag es vor uns. Das Mäulchen geöffnet, die Zunge heraus, es war erstickt. Ich konnte nichts mehr für das kleine Mädchen tun. Doch wenn dieses Baby mit seiner Plazenta geboren wurde, zu wem gehört dann die einzeln entbundene Nachgeburt?

Samstag, 24. April 2021 – Trächtigkeitstag 61

 

Es war mitten in der Nacht zum Samstag. Es ist immer Nacht und immer Wochenende, wenn man einen Tierarzt braucht. Das ist irgendwie Gesetz in der Zucht. Da saß ich nun, allein mit Jamie, allein mit meinen Gedanken, meiner Angst. Ich kam mir so klein, hilflos und unwissend vor. Übermächtig waren meine Sorgen um Mutter und Kind(er?). In der Wurfkiste hing inzwischen ein übler Geruch nach vergammelten Blut und Fleisch. Jamie suchte mauzend meinen Baustand. Ich konnte nichts machen außer warten und ihr das Kinn graulen. Was fühlt eine Tiermama, wenn das geborenen Baby leblos ist?

Wahrscheinlich lenkten die wieder einsetzenden Presswehen die junge Mutter ab. Denn sie wirkte konzentriert und voll im Tunnel der Geburt. Um 5:30 Uhr am Morgen kam ihr zweites Baby zur Welt. Diesmal korrekt nach verbunden mit der ungeborenen Plazenta. Das Baby hatte Köperspannung, war aber absolut leblos, atmete nicht und Po und Hinterbeine dunkelblau gefärbt. Ich funktionierte wie ferngesteuert: Absaugen, Druckmassage der Brust, Beatmen und wieder von vorn Absaugen, Druckmassage, Beatmen … Jamie mauzte, aber ansonsten wirkte sie wie versteinert. Ich verlor das Zeitgefühl. Deshalb weiß ich nicht, wann dieses Baby zu Atmen begann. Ich konnte dem Baby ein schwaches Fiepen entlocken. Ansonsten war es apathisch und kraftlos. In den nächsten 3 Stunden stabilisierte sich die Atmung des Kleinen. Sorge bereiteten mir die großflächigen Hämatome im hinteren Köperbereich. Immer wieder massierte ich den kleinen Körper und überprüfte die Schmerzempfindlichkeit der Hinterbeine und des Schwanzes. Zum Glück zeigte das Baby eine Empfindlichkeit. Ich wechselte die Einlagen in der Wurfkiste. Jede Geburt hat ihren eigenen Geruch, der aber niemals unangenehm ist. Diese Geburt aber roch erbärmlich. Der gesamte Raum füllte sich damit. Vorsichtig bot ich Jamie einen „Powersnack“ aus Quark, Ei, Traubenzucker und Medikamenten an. Sie leckte ein wenig. Begeisterung sieht anders aus. Gut, ich schob das auf die Strapazen der letzten Tage.

Das Baby wirkte kraftlos. Es suchte auch nicht den Weg zur Zitze, sondern lag angekuschelt an Mama. Ich ließ die beiden erst einmal schlafen.

12 Stunden nach seiner Geburt wollte das Baby immer noch nichts trinken. Milch konnte ich auch keiner Zitze der Mama herausdrücken. Jamie hatte also keine Milch! Überhaupt wirkte sie extrem unruhig. Geben 18:00 Uhr traute ich meinen Augen nicht: Jamie presste erneut!

Auf einmal keimte Hoffnung in mir auf: Sollte das Baby doch nicht als Einzelkind aufwachsen müssen? Doch da war es wieder, das kleine Bauchweh-Männlein auf meiner Schulter, das zu mir sagte: „Denk an die Plazenta, die noch keinem Baby zugeordnet werden konnte!“. Und da war sie wieder, meine innere Panik! Was, wenn hier die nächste Katastrophe naht? Und wieder war es Nacht und immer noch Wochenende.

Jamie quälte sich 3,5 Stunden mit Presswehen. Ich hab so mitgelitten. Das wirklich große Baby, was sie gebar, war schon längere Zeit tot. Auch bei diesem Katzenkind eindeutige Anzeichen eines „Erstickungstodes“ wegen Nichtversorgung mit sauerstoffreichem Blut durch die Plazenta. Auch dieses Baby hatte seine Plazenta bei sich, diese war gealtert, matschig und stank übelst. Ein Bild jedoch hat sich für immer in meinem Hirn eingebrannt: Jamie, die ihr totes Baby zum Leben erwecken wollte. Immer und immer wieder putzte sie das Baby, stupste es mit der Nase an, drehte es und putzte es wieder Sie konnte es nicht verstehen.

Sonntag, 25. April 2021 – Trächtigkeitstag 61

 

Ich habe die gesamte Nacht neben der Wurfkiste gesessen und Mutter und Kind nicht aus den Augen gelassen. Am Morgen musste ich feststellen, dass Jamies Baby 10 g abgenommen hat. Also musste ich was tun, Zufüttern war jetzt meine Aufgabe. Ich ging also Milch zubereiten und auch für Jamie machte ich Futter zurecht. Auch dem Badezimmer stattete ich einen kurzen Besuch ab, um die Müdigkeit abzuwaschen. Als ich zurück an der Wurkiste war, traute ich meinen Augen nicht: Da lag ein weiteres Baby, tot, neben Jamie! Und dieses Baby war fast komplett schwarz, nur der Kopf hatte noch die normale Färbung eines Neugeborenen. Jamie hatte sich bereits abgewandt. Und auch dieses Baby hatte eine Plazenta bei sich.

Im Laufe des Tages bekam das überlebende Baby tröpfchenweise Milch von mir. Das Füttern des Zwerges gestaltete sich als schwierig, wirklich viel bekam ich nicht in das Kleine hinein. Jamie kümmerte sich gar nicht um ihr Kind. Sie lag, wo sie lag. Milch konnte ich keine in ihren Zitzen feststellen. Ich machte mir große sorgen um Jamie. So fertig habe ich noch nie eine Katze nach einer Geburt erlebt. Der Fiebercheck war zum Glück negativ.

 

Im Laufe des Tages bekam das überlebende Baby tröpfchenweise Milch von mir. Das Füttern des Zwerges gestaltete sich als schwierig, wirklich viel bekam ich nicht in das Kleine hinein. Jamie kümmerte sich gar nicht um ihr Kind. Sie lag, wo sie lag. Milch konnte ich keine in ihren Zitzen feststellen. Ich machte mir große sorgen um Jamie. So fertig habe ich noch nie eine Katze nach einer Geburt erlebt. Der Fiebercheck war zum Glück negativ.

Montag, 26. April 2021 – 3. Lebenstag des Babys

 

Jamie machte einen desolaten Eindruck. Der üble Geruch von Jamie erfüllte die gesamte Wohnung. Es riecht faulig und gammelig. Morgens 8:00 Uhr bin ich mit ihr beim Tierarzt. Die Mama hat hohes Fieber. Der Reinigungsprozess der Gebärmutter ist gehemmt. Ihr Zustand ist sehr kritisch. Jamie wird medikamentös versorgt. Mir obliegt die Krankenpflege der Mama und die Aufzucht ihres Babys. Aufzucht, das heißt alle 2 Stunden füttern, rund um die Uhr, auch in der Nacht. Nach dem Füttern 10 Minuten Bauchmassage, damit die Verdauung angeregt wird und dann noch Pipi (und Kacki) machen lassen. Leider hat das Baby trotz Zufüttern abgenommen und wiegt nun nur noch 65 g. Ich bin traurig, müde und gleichzeitig stehe ich so unter Strom, dass mir der fehlende Schlaf doch wieder nicht auffällt.

Dienstag, 27. April 2021 – 4. Lebenstag des Babys

 

Das Baby will einfach nicht zunehmen. Obwohl das Trinken an der künstlichen Zitze immer besser klappt. Das ist ein kleiner Hoffnungsschimmer. Ich klammere mich derzeit an jedes Fünkchen Hoffnung, damit meine Motivation bleibt und die Energie, alle 2 Stunden aufzustehen und zu füttern. Ich bin angespannt, hoffentlich mache ich keine Fehler! Denn dieses kleine Wesen ist so zart und sein Leben hängt am seidenen Faden. Wichtig ist die regelmäßige Entleerung von Darm und Blase. Gerade den Darm betreffend bin ich durch Tara sensibilisiert.  Das Baby muss kacken. Wie sehr freue ich mich, als am Nachmittag Kot abging. Ich feiere ein kleines Fest, meine Erleichterung ist riesig. Wie sehr man sich doch über einen Haufen Kacka freuen kann!

Heute habe ich mich entschieden, den 4 Babys Namen zu geben. Eigentlich wäre es der U-Wurf gewesen. Aufgrund der tragischen Umstände änderte ich diesen Plan. Stattdessen wird es ein Themenwurf „Sternenkinder und Kämpfergeist“ sein. Das Baby in der Kiste hat nun endlich einen Namen. HERMINE- die Kämpferin!

Mama Jamie geht es nach wie vor unverändert schlecht. Am Abend bin ich mit ihr wieder beim Tierarzt bestellt. Dieser äußert sich sehr besorgt. Fieber unverändert hoch. Er erzählt mir was von resistenten Bakterien, die auch ohne Sauerstoff sich vermehren. Er wechselt das Antibiotika, meint, die Milch würde nicht mehr einschießen, dazu hätten sich die Drüsen schon zu sehr zurückgebildet. An mir lief das alles ziemlich „planlos“ vorbei. Ich war geschockt, erstarrt …  was bedeutete das jetzt alles? Wird Jamie sterben? Wird ihr Baby überhaupt eine Chance haben? Schaffe ich die Handaufzucht notfalls auch ganz ohne Mutter? Noch nie in all den Jahren musste ich ein Baby ohne Mama großziehen.

Vom Heimweg weiß ich nichts mehr. Zum Glück ist mein Sohn gefahren. Zu Hause begann ich mich, auf die kommenden Wochen einzurichten. Ich werde mich ausschließlich um Hermine kümmern müssen.

Jamie schlief fast nur noch. Auch heute Abend hat sie keine Nahrung zu sich genommen. Ich gebe ihr mit einer Spritze alle 2 Stunden 2 ml Multivitaminpaste ins Maul. Hermine wiegt heute Abend nur noch 63 g.

Um 21:00 Uhr wurde Jamie plötzlich unruhig. Wenige Minuten später wurde Hermine kalt und schlaff. Sie trank nicht mehr und zeigte keinen Saugreflex mehr. Stirbt sie jetzt? Sofort begann der Notfallplan: Wärmelampe, Wärmflaschen, massieren, massieren, massieren ….

Weil Jamie absolut neben sich war, trennte ich in dieser Nacht Mutter und Kind. Ich legte Hermine zu mir ins Bett. Alle 2 Stunden flößte ich ihr vorsichtig einige Tropfen Milch ein. Wirklich trinken wollte sie nicht.

Mittwoch, 28. April 2021 – 5. Lebenstag des Babys

 

Ich bin mit meinen Nerven am Ende. Ich hab Hermine wieder zu Mama gebracht. Hermine wirkte am Morgen zwar wesentlich vitaler als am Abend, aber wirklich Milch trinken will sie bei mir nicht. Doch wer nichts isst, kann auch nicht wachsen. Jamie hat ihre Tochter liebevoll empfangen. Das Fieber von Jamie ist nach wie vor erschreckend hoch. Hermine hat weiterhin abgenommen und wiegt jetzt nur noch 58 g. Ich heule – aus Wut, aus Enttäuschung, aus Müdigkeit, aus Verzweiflung, aus Angst vor dem, was noch auf mich zukommt. Jamie liegt neben ihrem Baby, knurrt, faucht, mauzt, aber sie kümmert sich nicht um die Kleine. Sie putzt Hermine nicht, wechselt nicht die Windeln, vom Säugen ganz zu schweigen. Jamie wird allem und jeden gegenüber immer aggressiver. Sie faucht und schreit bereits, wenn man das Zimmer betritt. Will ich Hermine zum Füttern nehmen, versucht sie mich zu beißen. Zweimal ist Jamie das heute auch gelungen. Ich weiß, ich sollte positive Energie für Jamie ausstrahlen. Jedoch bin ich völlig down. Seit 6 Nächten habe ich nicht mehr als 95 Minuten am Stück geschlafen. Und all die Mühen scheinen nicht zu fruchten. Woher positive Energie nehmen? Die Spannung hier ist deutlich zu spüren. Da Hermine bisher nur abnimmt, füttere ich die Kleine jetzt stündlich eine kleine Menge. Vielleicht kann sie das besser verwerten.

Donnerstag, 29. April 2021 – 6. Lebenstag des Babys

 

Heute Morgen ist Jamie fieberfrei, Endlich, Hoffnung keimt auf! Ihre Aggressionen sind unverändert und werden jetzt noch durch extreme Unruhe ergänzt. Hermine hat nicht zugenommen, wiegt immer noch 58 g. Ich habe das Gefühl, ich funktioniere nur noch. Stündlich nimmt Hermine 1 ml Milch zu sich. Pipimachen klappt gut, Kacki leider nicht. ich investiere viel zeit in Bauchmassagen, Zeit, die Hermine sichtlich genießt!

Am Nachmittag wieder Arzttermin mit Jamie. Gute Nachrichten: Fieber ist weg, Tastbefund o. B., der Ausfluss riecht endlich normal. Zuversicht macht sich breit! Jetzt muss nur noch Hermine endlich zunehmen.

Am Abend hat Hermine wieder einen  „Schwächeanfall“. Wieder rechne ich mit ihrem Ableben. Sie liegt reglos auf Wärmflasche und unter der Wärmelampe und ich sitze daneben und heule. Jamie liegt daneben. Ein bizarres Bild, das mir das Herz zerreißt. Da fiel mir das Känguruhen bei Babys ein. Also packe ich Hermine in meinen BH und wärme sie mit meinem Körper. Sie entspannt sich dabei sichtbar. So ein Winzling da auf meiner Brust. Ob sie spürt, wie sehr ich mir wünsche, dass sie den Weg ins Leben schafft?

Am Abend hat Hermine wieder einen  „Schwächeanfall“. Wieder rechne ich mit ihrem Ableben. Sie liegt reglos auf Wärmflasche und unter der Wärmelampe und ich sitze daneben und heule. Jamie liegt daneben. Ein bizarres Bild, das mir das Herz zerreißt. Da fiel mir das Känguruhen bei Babys ein. Also packe ich Hermine in meinen BH und wärme sie mit meinem Körper. Sie entspannt sich dabei sichtbar. So ein Winzling da auf meiner Brust. Ob sie spürt, wie sehr ich mir wünsche, dass sie den Weg ins Leben schafft?

Freitag, 30. April 2021 – 7. Lebenstag des Babys

 

Der Schwächeanfall am gestrigen Abend dauert nicht die ganze Nacht. Seit Mitternacht trinkt Hermine super, jetzt alle 2 Stunden 2 ml. Am Morgen hat sie 3 g zugenommen. Ich könnte wegen drei Gramm die ganze Welt umarmen! Im Laufe des Tages grooven wir uns ein. Das Trinken am Sauger klappt richtig gut. Die Kleine hält sogar ihr Fläschchen mit fest. Auch Jamie beruhigt sich. Sie knurrt mich nicht mehr an und setzt sich leib neben mich, wenn ich ihre Tochter füttere. Ich erzähle mit ihr und antwortet leise. Versteht sie jetzt, dass ich ihrem Kind nur helfen will? Wird diese schwere Zeit helfen, dass Jamie und mich ein magisches Band vereint? Oder ist das gerade menschliche Träumerei und meine Gedanken das Ergebnis vieler schlafloser Nächte? Auf jeden Fall ist der heutige Tag positiv verlaufen und ich schöpfe Kraft und Energie daraus.

 

Samstag, 1. Mai 2021 – 8. Lebenstag des Babys

 

Wird heute ein guter Tag ähnlich wie gestern? Geht es ab jetzt weiter aufwärts? Hermine ist heute 1 Woche auf der Welt. Und endlich hat sie zugenommen, sie wiegt 67 g! Was für ein Erfolg, der mich beflügelt. Ich schwebe durch den Tag und jubiliere. HERMINE NIMMT ZU!!!! Was für ein tolles Gefühl! Jetzt lohnt sich jeder Milliliter Milch, jede durchwachte Nacht. Hermine wird leben!!!

 

Irgendwie geht mir heute alles viel leichter von der Hand. Am Nachmittag hab ich sogar Lust auf ein paar Fotos während des Fütterns. Wie niedlich Hermine doch ist. Und ich sehe, sie ist ein Törtchen! Ich liebe Törtchen, ich liebe Hermine! Hermine wird leben!

Um 15:00 Uhr trinkt Hermine ihre Milch. Es sollte für 18 Stunden die letzte Nahrung für sie sein. Ich weiß nicht warum, innerhalb von einer Stunde verlor Hermine jegliche Körperspannung. Um 16:00 Uhr hing sie schlaff in meiner Hand. Sie wird immer apathischer. Ich massiere ihr immer wieder den Bauch, mitunter wurde sie dabei richtig hart. Der gesamte kleine Körper verkrampfte sich dabei und sie zog ihre Beinchen an. Was hat sie? Koliken? Hat sie Bauchweh, kann sie nicht kacken? Was zum Teufel ist das? Verträgt sie vielleicht die Ersatzmilch nicht? Obwohl ich sehr hochwertige Milch habe, hat sie damit ein Problem? Oder hat sie ein Krampfleiden? 

Mama Jamie ignorierte ihr Kind in dieser Zeit völlig, zumindest was die Zuwendungen angeht. Ansonsten war Jamie sehr unruhig und wurde auch wieder aggressiv mir gegenüber. Ich blieb bis 2 Uhr neben der Wurfkiste sitzen und ließ Hermine nicht aus den Augen. Weil die Mama mit dieser Situation sichtlich überfordert war entschloss ich erneut, Hermine mit zu mir ins Schlafzimmer zu nehmen. Ich legte sie auf die Wärmflasche, baute mit einer Kuscheldecke ein Nestchen und packte den kleinen Körper da hinein. Ich verabschiedete mich, denn ich war mir sicher, sie wird sterben.

Das alles ist hier wie in einem bösen Traum, der nicht endet und wo man ständig hofft, zu erwachen.

 

 

Sonntag, 2. Mai 2021 – 9. Lebenstag des Babys

 

Vorsorglich wollte ich nach 3 Stunden nach ihr sehen und stellte mir den Wecker. Den brauche ich aber nicht mehr. Meine Katzen-Mama-Innere-Uhr weckte mich pünktlich nach 1 Stunde und 45 Minuten. Also sah ich aller zwei Stunden nach der Kleinen. Ich überprüfte den Saugreflex, Fehlanzeige ….

Um 6:00 Uhr dann eine leichte Reaktion auf meine Hand. Also lief ich sofort los und holte Milch, um sie zu füttern. Aber Hermine wollte nicht. Sie beförderte den Nuckel mit der Zunge immer wieder nach draußen und selbst mit den Pfötchen wehrte sie sich. Sie wendete sich wie ein Aal in meiner Hand, wollte nicht trinken. Um 8:00 Uhr das gleiche Spiel wieder.

Sie jammerte auch nicht in ihrem Nest, rief nicht nach Nahrung und Mutter. Ich war mir sicher, sie stirbt gerade einen leisen Tod. Lediglich ihre Körperwärme, die sie hielt, sprach dagegen. Kurz nach 9:00 Uhr plötzlich ein Fiepen neben mir. Ich sprang auf und siehe, Hermine krabbelte und rief.

Ich also wieder Milch geholt. Die Gegenwehr von Hermine war enorm. Wie sich 69 g nur so wehren können. Milch aus der Flasche, nein die will sie nicht! So als ob sie instinktiv weiß, dass ihr die nicht gut tut?

Nun ist die Mama meine und ihre letzte Hoffnung. Ich brachte Hermine zu ihrer Mutter. Die begrüßte ihr Baby und sprang sofort in die Wurfkiste. Hermine dockt an, das war um 9:30 Uhr. Ich helfe immer wieder beim Finden der Zitzen. Jetzt muss Jamie Milch bekommen, das ist ihre einzige Chance.

Ich vagte an diesem Nachmittag, auch nur eine Stunde vorauszudenken. Ihr Zustand ist so wacklig. An diesem Nachmittag war Hermine agil und sucht immer wieder die Zitzen der Mama. Wie lange wird das anhalten? Sie wiegt jetzt wieder 61 g, hat in der vergangenen Nacht 7 g an Gewicht verloren.

Im Tagesverlauf scheint sich der Zustand von Hermine zu stabilisieren. Die Mama bietet immer wieder ihren Bauch an. Hermine findet oft sogar allein eine Zitze. Abend kontrolliere ich das Gewicht. Über den Tag hat sie leider nochmal 2 g abgenommen und wiegt jetzt 59 g. Trotzdem schien die Milch bei Jamie in Gang zu kommen, denn sonst wären es nicht nur 2 Gramm. Da war eine vage Hoffnung, dass Hermine doch von Mama aufgezogen werden kann. Doch in meinem Kopf waren auch die Zusammenbrüche von Hermine, was war der Grund dafür?

Abends versuche ich Hermine, nochmal mit Ersatzmilch zu sättigen. Sie lehnt den Nuckel komplett ab. Befördert ihn mit der Zunge nach draußen und schluckt die Milch im Mäulchen nicht hinunter. Sie hat entschieden, bei Mama satt zu werden.

 

Montag, 3. Mai 2021 – 10. Lebenstag des Babys

 

Mit Anspannung betrete ich am Morgen das Zimmer. Wie wird es Hermine und ihrer Mama gehen. Das Nestchen auf der Couch ist verlassen. Sie liegen auf der breiten Fensterbank in einer kleinen Kuschelhöhle. Jamie ruft mich. Ich suche mit meiner Hand die Kleine im warmen Fell ihrer Mutter. Wo ist Hermine? Sie wird doch nicht ….

Doch da sind die kleinen Füße. Puh, sie lebt!!!

Ich kontrolliere das Gewicht und den allgemeinen Zustand des Babys. Sie hat ihr abendliches Gewicht gehalten, 59 g! Nach zehn Tagen 59 g! Ohje, und trotzdem werte ich es als Erfolg, dass sie nicht weiter abgenommen hat. Ansonsten wirkt Hermine fit und agil. Ich lege sie zurück zur Mama, wohlweislich, dass dieser Platz ungeeignet ist. Ich werde erstmal die Hunde lüften und dann Jamie überzeugen, dass sie wieder „umziehen“ muss.

Diese Überzeugungsarbeit wird schwer. Jamie sieht das so gar nicht ein und schleppt das Baby immer wieder zurück ins Fenster. Also baue ich die Fensterbank so um, dass Hermine sicher, warm und vor Zugluft geschützt liegt. Als ich damit fertig bin, hat Jamie beschlossen, es sich doch in der Wurfkiste bequem zu machen. Oh man, so typisch Katze! Gut, dann also doch Wurfkiste. Ich trete an die Kiste heran, um Hermine bei Mama anzulegen. Was ich da vorfinde, lässt mich erstarren. Hermine wirkt wieder schlapp, diesmal ist sie auffallend kalt. Das war bisher nie so. Sie zeigt kein Interesse an den Zitzen, öffnet nicht mal das Mäulchen. Ich Köpfchen kann sie kaum halten. NEIN! NEIN! NEIN! Warum schon wieder?

Es ist 11:00 Uhr, ich packe die Kleine auf ihre Wärmflasche. Jamie legt sich zu ihr. Putzt ihr vorsichtig über den Kopf. Kennt Jamie das Schicksal ihrer Tochter?

Um 13:00 Uhr zeigt Hermine nur noch schwache Reaktionen auf Berührungen, um 14:00 Uhr wird ihre Atmung flach.

Kurz nach 15:00 Uhr am 10. Tag hier auf Erden reist die kleine Hermine zu ihren Geschwistern Wega, Sirius und Regulus. Jamie bleibt weitere 2 Stunden bei ihrem toten Kind in der Wurfkiste liegen. Dann verlässt sie die Wurfkiste, kratzt an der Tür. Ich öffne diese und Jamie geht zurück in die Katzengruppe, zurück in ihr altes Leben. Sie hat die Katastrophe überlebt, das ist nicht selbstverständlich. Auch ihr Leben war in Gefahr. Ich weiß von ähnlichen Schicksalen bei anderen Züchtern, bei denen auch die Mutter verstorben ist. Jamie darf und mit mit diesem Verlust leben.

Letzte Gedanken

 

Jamie ist eine wunderschöne Birmakatze, jedoch werde ich es ihr kein weiteres Mal zumuten, Mutter zu werden und nicht mit dem Risiko spielen, dass sich dieses Desaster eventuell wiederholt. Ich hoffe, sie kann das Erlebte so verarbeiten, dass sie ein glückliches Leben führen kann.

Ich werde ihre Babys noch beerdigen müssen. Zurück bleibt tiefe Traurigkeit, das Gefühl, nicht alles getan zu haben, um Hermine zu retten, zurück bleiben viele Fragen und Zweifel, ob ich wirklich alles richtig gemacht habe und …

… zurück bleibt die Angst vor den nächsten Würfen. Ich mag keine kleinen Katzenkörper mehr in kalte Erde legen müssen.

Ungeborene unterhalten sich im Bauch ihrer Mutter:

 

„Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?“ fragt eines der Babys

 

„Ja auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das was draußen kommen wird“ antwortet ein anderes.

 

„Ich glaube, das ist Blödsinn!“ sagt ein weiteres Baby. „Es kann kein Leben nach der Geburt geben – wie sollte das denn bitteschön aussehen?“

 

„So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein.Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Maul essen?“

 

„So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Maul essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz.“

 

„Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders.“

 

„Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen von ’nach der Geburt‘. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Punktum.“

 

„Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden und sie wird für uns sorgen.“

 

„Mutter??? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?“

 

„Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!“

 

„Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht.“

 

„Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt.“

 

von Henry Nouwen

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